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Grenzgänge zwischen Erwerbsarbeit und Ruhestand

Ergebnisse der TOP-Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

Datum 12.09.2019

Erklären ökonomische Gründe die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand? Oder besteht einfach der Wunsch, noch nicht zum "alten Eisen" zu gehören und sein erworbenes Wissen weiter anzuwenden? Wie verläuft der Prozess von der Entscheidung weiter zu arbeiten bis zur tatsächlichen Umsetzung? Welche Faktoren wirken sich hemmend oder beschleunigend aus? All diese Fragen sind Themen des Buches, welches Ergebnisse der ersten beiden Erhebungsrunden der Studie "Transitions and Old Age Potential: Übergänge und Alternspotenziale (TOP)" des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zusammenfasst.

Der Survey beschäftigt sich unter anderem mit dem Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand, welcher heute von einer deutlich höheren Vielfalt an Verläufen geprägt ist als noch vor wenigen Jahrzehnten. Auf der Suche nach Erklärungsmustern werden mithilfe eines psychologischen Handlungsmodells die Fragen nach den individuellen Entscheidungs- und Planungsprozessen und deren Umsetzung für die Aufnahme beziehungsweise Beendigung einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand analysiert. Deutlich wird dabei, dass nicht nur die persönliche Situation und der Gesundheitszustand, sondern auch die äußeren Bedingungen, wie etwa die Situation am Arbeitsplatz, für ältere Erwerbstätige eine wichtige Rolle spielen, sagt Dr. Cihlar im Interview.

Herr Dr. Cihlar, warum entscheiden sich Menschen im Ruhestandsalter für eine Fortführung oder Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit?

Ich denke, darauf kann es keine eindeutige Antwort geben. Grundsätzlich lässt sich aber feststellen, dass sich der Blick auf das Älterwerden verändert hat. Auch das Alter oberhalb der Ruhestandsgrenze wird nun als produktiver Abschnitt angesehen. Dies hat Auswirkungen auf die Weiterführung der Erwerbstätigkeit über die Ruhestandsgrenze hinaus. Dabei zeigt sich die Motivation für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit äußerst vielschichtig und speist sich aus vielerlei Quellen. Hierzu zählen neben ökonomischen auch persönliche Gründe wie Wertschätzung, Flexibilität und die Erhaltung der individuellen Lebensqualität. Hinzu kommen Faktoren wie eine sinnvolle Beschäftigung, Spaß an der Tätigkeit oder der Kontakt zu anderen Menschen, der gerade bei Älteren eine wichtige Rolle spielt.

Weiterhin Geld zu verdienen ist für viele ein Hauptmotiv, allerdings nicht immer das Wichtigste. Von großer Bedeutung ist hier allerdings die subjektive ökonomische Lage. Auch bei der Betrachtung von Einzelfällen lassen sich Entscheidungen für eine berufliche Tätigkeit im Ruhestand in der Regel nicht auf einen Grund zurückführen, sondern auf ein Zusammenspiel mehrerer Beweggründe. Daher ist hier aus wissenschaftlicher Sicht eine differenzierte Betrachtung des Phänomens zu empfehlen.

Welche Faktoren beeinflussen eine tatsächliche Umsetzung der angestrebten Erwerbstätigkeit im Alter?

Hier ist vor allem die sozioökonomische Position von großer Bedeutung. So wurde zum Beispiel deutlich, dass finanziell besser gestellte Personen eher einer Arbeit nachgehen als Menschen in finanziell prekären Lagen. Höhere berufliche Laufbahnen führen noch immer häufiger zum Arbeiten im Ruhestand. Dies hängt stark mit den besseren Arbeitsgelegenheiten dieser Gruppe zusammen. Zudem spielt eine Rolle, inwiefern der Arbeitgeber vor dem Ruhestand überhaupt die Möglichkeit der Weiterbeschäftigung für seine Arbeitnehmer anbietet. Es hat sich nämlich gezeigt, dass diejenigen, die bei ihrem Arbeitgeber keine Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung im Ruhestand vorfinden, sehr viel seltener dann auch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Insgesamt gilt für den Prozess der Erwerbsbeteiligung älterer Menschen, dass spezifische Personenmerkmale, eine richtige Planung und die gegebene Möglichkeit zusammentreffen müssen, um eine für den Einzelnen zufriedenstellende Arbeit zu verwirklichen.

Welchen Beitrag kann Politik und Gesellschaft für die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen leisten?

Die Politik kann dazu beitragen, Erwerbsarbeit im Ruhestand als etwas gesellschaftlich Positives zu etablieren und gleichzeitig eine Stigmatisierung derjenigen Personen zu vermeiden, die nicht über die nötigen Mittel für eine Erwerbstätigkeit verfügen oder kein Interesse daran haben. Möglich wäre dies zum Beispiel durch neue Regelungen beim Flexirentengesetz. Dabei sollte die Politik nicht von der Annahme ausgehen, dass Erwerbstätigkeit im Ruhestand eine echte Säule der Altersvorsorge darstellen könnte. Hierfür sind die Einkommen zu niedrig und die Zeiträume für das Ansparen von Rentenansprüchen viel zu kurz.

Die festgestellten geschlechtstypischen Unterschiede gerade in der Entscheidungsphase können durch eine gezielte Gleichstellungspolitik reduziert werden. Hierzu kann vor allem eine gerechte Verteilung der Belastungen im Zusammenhang der Vereinbarkeitsproblematik von Beruf, Familie und Pflege beitragen. Da der gesundheitliche Zustand ein zentraler Faktor ist, sollte eine adäquate gesundheitsfördernde Arbeitsplatzgestaltung im konstruktiven Austausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer erfolgen, etwa durch auf Ältere zugeschnittene Arbeitsplätze oder Weiterbildungsmöglichkeiten im Betrieb.

Die Publikation "Grenzgänge zwischen Erwerbsarbeit und Ruhestand. Prozesse der Arbeitsmarktbeteiligung älterer Menschen" finden Sie hier.

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