GSB 7.0 Standardlösung

Passung und Ausbildungsadäquanz

(Zwei überdimensionierte rote Puzzleteile, die von einer Frauen- und Männerhand zusammengeführt werden (Quelle: energyy/iStock) Quelle: energyy/iStock

Der Bevölkerungsrückgang führt zu einer Abnahme potenzieller Arbeitskräfte. Andererseits verändert sich die Berufsstruktur hin zu wissensintensiven Berufen. Die Gesellschaft kann den neuen Erfordernissen des Arbeitsmarktes nur gerecht werden, wenn das Humankapital bestmöglich genutzt wird.

Aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive sollten Humankapitalressourcen optimal genutzt werden. Die Passung von Personen und Tätigkeiten im Hinblick auf die Fachlichkeit, die Kenntnisverwertung, das Niveau und die Fähigkeiten ist somit von hoher Bedeutung.

Unzureichende Passung hat wirtschaftliche und individuelle Folgen
Wenn relevante Anteile der Erwerbstätigen ihre erworbenen Qualifikationen bzw. ihre erlernten Fertigkeiten und Kenntnisse im Beruf nicht anwenden können, kommt dies einem hohen Humankapitalverlust gleich. Denn das Bildungs- und Beschäftigungssystem in Deutschland sind eng miteinander verknüpft, die Arbeitsmärkte stark nach Berufen segmentiert. Der Verlust berufsspezifischen Humankapitals erhöht daher das Risiko unterwertiger Erwerbstätigkeit. Tätigkeiten, die vom Anforderungsniveau her unterhalb des Qualifikationsniveaus des Arbeitsplatzinhabers liegen, gehen für die Betroffenen mit Einbußen im Einkommen und der Arbeitszufriedenheit einher. Dennoch sind berufliche Wechsel nicht per se mit einer Dequalifizierung gleichzusetzen. Und auch der Zusammenhang zwischen qualifikationsbezogener und fähigkeitsbezogener Passung ist nur moderat. Die Passung von Person und Tätigkeit im Hinblick auf die Fachlichkeit, die Kenntnisverwertung, das Niveau und die Fähigkeiten sollte daher regelmäßig erfasst werden. Auf betrieblicher Ebene ist die Veränderung der Zufriedenheit der Betriebe mit den Kompetenzen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein wichtiger Indikator für ein Mismatch-Problem.

Kompetenzen und Anforderungen

Fähigkeitsbezogene Passung im Zeitvergleich (1998/99, 2006, 2012)

Die Übereinstimmung zwischen den Anforderungen in der Arbeit und den eingebrachten Kompetenzen (fähigkeitsbezogene Passung) ist eine Voraussetzung für produktives Arbeiten und Arbeitszufriedenheit. In den Jahren 2006 und 2012 wurden die Erwerbstätigen diesbezüglich gefragt, ob sie sich den fachlichen Anforderungen bzw. den Anforderungen durch die Arbeitsmenge bzw. das Arbeitspensum in der Regel gewachsen fühlen, oder ob sie sich eher überfordert oder eher unterfordert fühlen. 1999 wurde noch ganz allgemein gefragt, ob man sich den Anforderungen bei der Arbeit gewachsen fühlt, was 89,6 % der Erwerbstätigen bejahten.

Gestapeltes Säulendiagramm, das die fähigkeitsbezogene Passung in Deutschland in den Jahren 1998/99, 2006 und 2012 zeigt. Wird im Text erläutert. Fähigkeitsbezogene Passung im Zeitvergleich (1998/99, 2006, 2012) Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Über die Zeit zeigen sich abnehmende Anteile der Passung seit 1999: 2012 fühlten sich 83,2 % der Erwerbstätigen den fachlichen Anforderungen in der Regel überwiegend gewachsen; mit Blick auf die Arbeitsmenge sagten dies sogar nur 76,3 %. 2006 lagen die Werte geringfügig niedriger (81,6 % bzw. 76,2 %).

Hinsichtlich der fachlichen Anforderungen fühlten sich 2012 dreimal so viele Erwerbstätige unterfordert (12,7 %) wie überfordert (4,2 %). 2006 war dieses Verhältnis ähnlich groß (unterfordert 13,8 % und überfordert 4,6 %). Bei den Anforderungen an die Arbeitsmenge zeigt sich ebenfalls keine Veränderung: ein nach wie vor großer Teil der Erwerbstätigen fühlt sich durch die Arbeitsmenge überfordert (17,4 % bzw. 18,1 %).

Datentabelle:
Fähigkeitsbezogene Passung (xls, 40KB, Datei ist nicht barrierefrei)

Zufriedenheit der Betriebe mit beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten 2012

Neben fachlichen Qualifikationen spielen berufliche Kompetenzen eine entscheidende Rolle für die Einsatzmöglichkeiten von Beschäftigten und deren Tätigkeitsprofile. Daher wurden Betriebe in der Erhebungswelle 2012 des BIBB-Qualifizierungspanels gefragt, wie zufrieden sie mit den beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten in Abhängigkeit ihres Tätigkeitsniveaus sind. Berufliche Kompetenzen umfassen grundsätzlich die Bereitschaft und Befähigung des Einzelnen, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht und sozial kompetent zu verhalten. Hierfür wurden sieben berufliche Kompetenzen ausgewählt, die sowohl zentrale Kompetenzen aus dem Bereich der Dienstleistungsgewerbes als auch aus dem Produktionsbereich in Teilen abdecken.

Gestapeltes Balkendiagramm, das die Zufriedenheit der Betriebe mit beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten mit qualifizierten Tätigkeiten im Jahr 2012 zeigt. Wird im Text erläutert. Zufriedenheit der Betriebe mit beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten mit qualifizierten Tätigkeiten 2012 Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Im Durchschnitt sind Betriebe mit ihren Beschäftigten für einfache Tätigkeiten bei Mittelwerten zwischen 2,4 und 2,8 einigermaßen zufrieden. Zu berücksichtigen ist aber, dass die Mehrzahl der beruflichen Kompetenzen hier zumeist nicht benötigt wird. Auffällig ist, dass gerade für diese Beschäftigtengruppe, die zumeist für einfache Routinearbeiten eingesetzt wird, Kompetenzen wie Eigenverantwortung und Aufgabenflexibilität, die nur mittlere Zufriedenheitswerte von den Betrieben erhalten, generell erforderlich sind. Mit den Kompetenzen der Beschäftigten, die qualifizierte Tätigkeiten ausüben, ist man im Vergleich dazu insgesamt zufriedener (Durchschnittswerte 2,9 bis 3,2).


Hier wird ersichtlich, dass die zur Beurteilung vorgelegten Kompetenzen bis auf zwei Kompetenzen für die Tätigkeiten dieser Qualifikationsgruppe erforderlich sind. Die höchsten Durchschnittswerte erreichen Beschäftigte mit hochqualifizierten Tätigkeiten. Fast sämtliche Beurteilungen liegen zwischen zufrieden und sehr zufrieden. Hier sind kaum noch Kompetenzen erkennbar, die eine geringe Rolle in den Tätigkeiten dieser Qualifikationsgruppe spielen.







Datentabellen:
Zufriedenheit der Betriebe mit beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten mit einfachen Tätigkeiten 2012 (xls, 40KB, Datei ist nicht barrierefrei)
Zufriedenheit der Betriebe mit beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten mit qualifizierten Tätigkeiten 2012 (xls, 40KB, Datei ist nicht barrierefrei)
Zufriedenheit der Betriebe mit beruflichen Kompetenzen der Beschäftigten mit hochqualifizierten Tätigkeiten 2012 (xls, 40KB, Datei ist nicht barrierefrei)


Unterwertige Erwerbstätigkeit

nach Geschlecht und höchstem Ausbildungsabschluss 2012

Die Übereinstimmung zwischen den Anforderungen in der Arbeit und den eingebrachten Qualifikationen (formale Passung) ist eine Voraussetzung für produktives Arbeiten und Arbeitszufriedenheit. Das Ausmaß unterwertiger Erwerbstätigkeit (formale Überqualifizierung) variiert mit dem Geschlecht sowie dem höchsten Ausbildungsabschluss. So sind Frauen insgesamt häufiger von unterwertiger Erwerbstätigkeit betroffen als Männer (23,6 % gegenüber 17,9 %). Und auch Erwerbstätige mit Hochschulabschluss (Universität, Fachhochschule) sind häufiger betroffen als jene mit Berufsausbildung. Auf der akademischen Ebene zeigen sich des Weiteren Unterschiede zwischen einem Fachhochschulabschluss (30,4 %) und einem Universitätsabschluss (16,5 %). Für Erwerbstätige mit dualer Berufsausbildung zeigen sich somit ähnliche Anteile unterwertiger Erwerbstätigkeit wie für Personen mit Universitätsabschluss (16,7 % gegenüber 16,5 %), wobei es innerhalb des dualen Systems wiederum deutliche Geschlechterunterschiede gibt: 23,2 % der Frauen, aber nur 12,1 % der Männer waren 2012 unterwertig erwerbstätig. Personen mit schulischer Ausbildung sind von unterwertiger Erwerbstätigkeit seltener betroffen (11,1 %), was mit den erlernten Berufen im Sozial- und Gesundheitsbereich zusammenhängt.

Eine formale Überqualifizierung muss nicht zwingend mit einer Unterforderung der Beschäftigten hinsichtlich ihrer Fähigkeiten einhergehen. Unterwertige Erwerbstätigkeit ist jedoch mit einem geringeren Einkommen und einer geringeren Arbeitszufriedenheit verbunden.

Datentabelle:
Unterwertige Erwerbstätigkeit nach Geschlecht und höchstem Ausbildungsabschluss 2012 (xls, 36KB, Datei ist nicht barrierefrei)

nach höchstem Ausbildungsabschluss und Geschlechtstypik des Ausbildungsberufs 2012

Das Ausmaß unterwertiger Erwerbstätigkeit (formale Überqualifizierung) variiert mit dem Qualifikationsniveau. Erwerbstätige mit Hochschulabschluss (Universität, Fachhochschule) sind insgesamt häufiger betroffen als jene mit dualer Berufsausbildung (22,0 % gegenüber 15,5 %). Auf der akademischen Ebene zeigen sich dabei kaum Unterschiede zwischen Frauen-, Männer- und Mischberufen. Dennoch gibt es einzelne Berufsfelder, die mit überdurchschnittlich hohen Quoten (soziale Berufe 24,8 %) und überdurchschnittlich geringen Quoten (Gesundheitsberufe mit Approbation 4,0 %) unterwertiger Erwerbstätigkeit verbunden sind.

Die Geschlechtstypik des Berufs hat auf der Ebene der Berufsausbildung hingegen einen starken Einfluss: Duale Frauenberufe führen deutlich häufiger zu unterwertiger Erwerbstätigkeit (25,2 %) als duale Männer- oder Mischberufe (12,9 % bzw. 16,1 %). Am oberen Ende der Skala finden sich hier Friseure/Friseurinnen (42,9 %) und Verkäufer/-innen (38,2 %), am unteren Ende Bankkaufleute (2,8 %) und Industrieelektroniker/-innen (6,4 %).

Datentabelle:
Unterwertige Erwerbstätigkeit nach höchstem Ausbildungsabschluss und Geschlechtstypik des Ausbildungsberufs 2012 (xls, 36KB, Datei ist nicht barrierefrei)


Wechsel des erlernten Berufs

nach Geschlecht und höchstem Ausbildungsabschluss 2012

Ausbildungsadäquate Erwerbstätigkeit hat zwei verschiedene Dimensionen, die analytisch zu trennen sind: die vertikale und die horizontale Dimension. Erste bezieht sich auf die Entsprechung zwischen dem Qualifikationsniveau und dem Anforderungsniveau der Tätigkeit (siehe Unterwertige Erwerbstätigkeit). Die horizontale Dimension (Fachadäquanz) hingegen – hier dargestellt – bezieht sich auf die fachliche Übereinstimmung zwischen erlerntem und ausgeübtem Beruf. Ein vollständiger Wechsel des erlernten Berufs liegt dann vor, wenn die ausgeübte Tätigkeit mit der (letzten) Ausbildung nichts mehr zu tun hat. Die Berufswechselquote variiert nicht mit dem Geschlecht. Rund jede dritte Frau (30,1 %) und jeder dritte Mann (30,3 %) arbeitet nicht im erlernten Beruf. 38,1 % der Frauen und 39,9 % der Männer arbeiten in einem verwandten Beruf (partieller Wechsel).

Differenziert nach dem höchsten Ausbildungsabschluss zeigen sich höhere Berufswechselquoten bei Personen mit dualer Berufsausbildung (38,2 %) und höhere Quoten partieller Berufswechsel (verwandte Tätigkeiten) im akademischen Bereich (fast 50 %). Wie die Analysen zur unterwertigen Erwerbstätigkeit gezeigt haben, sind diese hohen Berufswechselquoten nicht gleichzusetzen mit einer "Dequalifizierung". Auch wenn das Risiko unterwertiger Erwerbstätigkeit außerhalb des erlernten Berufs deutlich höher ist, so sind dual Ausgebildete, die im erlernten oder einem verwandten Beruf arbeiten, stärker von einem beruflichen Abstieg geschützt als Akademiker/-innen.

Datentabelle:
Wechsel des erlernten Berufs nach Geschlecht und höchstem Ausbildungsabschluss 2012 (xls, 38KB, Datei ist nicht barrierefrei)

nach höchstem Ausbildungsabschluss und Geschlechtstypik des Ausbildungsberufs 2012

Personen mit Hochschulabschluss sind häufiger fachadäquat beschäftigt als Erwerbstätige mit dualer Berufsausbildung. Letztere wechseln häufiger vollständig den erlernten Beruf als Personen mit Hochschulabschluss (38,1 % gegenüber 19,3 %). Partielle Berufswechsel in verwandte Tätigkeiten kommen hingegen bei Akademikern häufiger vor (47,3 % gegenüber 35,8 %). Die Geschlechtstypik des erlernten Berufs hat auf beiden Qualifikationsebenen einen moderaten Einfluss auf die Berufswechselquote. Akademiker/-innen, die einen Frauenberuf erlernt haben (z.B. Lehrer-, Sozialberuf), wechseln deutlich seltener den erlernten Beruf (11,9 %) als Akademiker/-innen, die einen Männerberuf (z.B. Ingenieure) oder Mischberuf (z.B. Wirtschaftswissenschaftler) erlernt haben (22,9 % bzw. 19,2 %).

Auf der Ausbildungsebene zeigen sich kaum Unterschiede zwischen Männer und Mischberufen. Frauenberufe werden hingegen etwas häufiger vollständig gewechselt (40,9 %). Auch hier gibt es einzelne Ausbildungsberufe, die mit überdurchschnittlich hohen und überdurchschnittlich geringen Quoten unterwertiger Erwerbstätigkeit verbunden sind. Besonders häufig wechseln Friseure und Friseurinnen (59,6 %), Maler- und Lackierer/-innen (51,9 %) und Einzelhandelskaufleute (47,8 %) den erlernten Beruf.

Datentabelle:
Wechsel des erlernten Berufs nach höchstem Ausbildungsabschluss und Geschlechtstypik des Ausbildungsberufs 2012 (xls, 40KB, Datei ist nicht barrierefrei)

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